U8 Kottbusser Tor - Osloer Straße

Links neben mir sind zwei 17-jährige semi-betrunkene Frauen/ Girls/ Mädchen- was sind sie??? Die eine hat blau gefärbte Haare und sieht frei und wild aus, redet jedoch ununterbrochen davon, ihre erste große Liebe zu heiraten. Auf eine Art und Weise, die ihre Freundin und alle anderen Fahrgäste, langweilt. Es ist eine von jenen Erzählungen, in denen die Erzählerin offenkundig eine mittelmäßig bis schwere Sinnkrise zu durchleben scheint, jedoch nicht den geringsten Anschein macht, jegliche Form von Ratschlägen zu erwarten oder sie, würden sie kommen, willig entgegenzunehmen. Am Ende der Erzählung rettet sie sich und ihre missliche Lage mit Sicherheit selbst, so kommt es bestimmt. Ob dem so ist, weiß ich vorerst noch nicht. Und die Lösung wird mir auch noch etwas vorenthalten werden. Sie ist noch nicht einmal beim Höhepunkt und ich hoffe, sie beeilt sich ein bisschen, denn in fünf Stationen muss ich raus. 

Im Gang stehen sich zwei Arbeitskollegen gegenüber. Sie unterhalten sich über Fuselbürsten. Und Katzenhaare. Beide sehr gelangweilt von der Situation. Aber keiner von beiden kann anscheinend Stille ertragen, also reden sie weiter. Dabei ist es sehr voll in der Ubahn. Mir ein bisschen zu voll. Und es wird viel geredet. Sie müssten sich also gar keine große Mühe machen.

Ein, zwei, drei und auch zu viele junge hippe Menschen sitzen und tippen auf ihren Smartphones. Ich habe Angst, dass ich zu ihnen gezählt werde. Dabei schreibe ich hier sinnvolle Texte. So würde ich es Ihnen gerne sagen. Doch dann kommt mir der Gedanke, dass vielleicht auch sie sinnvolle Texte schreiben. Ist ja im Mekka der Kreativen gar nicht so abwegig. Und so unterdrücke ich den Impuls.  

Nun steigen viele Kreative aus und ein, denn wir sind an der Weinmeisterstraße. Ich erkenne einen von ihnen. Es ist ein Kunde aus meiner Arbeit. Ich schau so gekonnt wie es jeder tut, der jemanden nicht sehen möchte, weg. Und er tut es ebenso. Das mag ich. Wenn man sich stumm einig ist, dass ein Gespräch gerade das Letzte wäre, was man gebrauchen kann. Und es nicht einmal zu einem peinlich berührten Lächeln kommt. Wahrscheinlich ist die gedankliche Kommunikation, die man in diesem Sinne betreibt, im Endeffekt sogar um einiges sinnvoller, als ein geheucheltes Rumgedruckse mit vielen unangenehmen Pausen und panischem Ausschauhalten nach seiner, oder der eigenen, Station.

Lonely Wolf um 1 Uhr nachts. Bestimmt nur die Putzfrau. Oder?

Lonely Wolf um 1 Uhr nachts. Bestimmt nur die Putzfrau. Oder?

Mädchen mit blauen Haaren ist nun schon bei dem Part ihrer Story, in dem sie mit viel Liebeskummer drei Tafeln Schokolade verdrückt hat. Und wir nun Gesundbrunnen. Digga. 

Ich stell mich drauf ein, dass ich das Ende der Geschichte wohl nicht mehr mitbekommen werde. Rechts neben mir steht eine ältere Dame schonmal panisch auf. Um die nächste Station nicht zu verpassen, vermute ich. Dabei sind wir noch nicht mal aus dem Ubahnhof ausgefahren. Aber ready ist sie und ich auch, denn die nächste Station ist auch meine. Ich knöpf nochmal ordentlich meinen Mantel zu und schnalle meinen quadratischen Rucksack auf. (An diesem Punkt wissen wir doch alle, dass auch ich zu jenen kreativen Berlinern gehöre, die nachts vom Kotti kommen. Und das alleine anhand der Rucksackform. Mein Mantel geht übrigens auch bis zum Boden. Und ich schreibe einen Blog-Eintrag auf meinem iPhone. Jan Böhmermann würde mich hassen. Aber dafür sitze ich wenigsten nicht mit einem Soja-Latte in einem hippen Café in Mitte. Auch wenn ich auch dies sehr gerne tue). 

Ich reihe mich hinter den drei Gestalten ein, die ebenfalls an der Osloer Straße aussteigen. Draußen hat einer hingekotzt. Die Türen biepen laut beim Zugehen und ich meine noch aufzuschnappen, dass die blaue Diva ihre große Liebe verlassen hat. Sie ganz alleine. Starke Frau.