Körperbilder, Rollenbilder und Ich als metaphorisches Chamäleon

Ich bin 22 und manchmal frage ich mich, wie ich zu sein habe. Und sehr oft eben auch, wie ich auszusehen habe. Schlaghose und Blumenbluse und ich fühle mich, wie eine junge Frau, die viel Fleetwood Mac hört, Silberringe mit Natursteinen an ihrem Ringfinger trägt und auf jeden Fall viel liest. Und obwohl ich das bin, bin ich eben auch die, die um 4, 5 oder 6 Uhr morgens von der Bahn nach Hause läuft und sich von Tommy Genesis oder Princess Nokia weibliche Unabhängigkeit in die Ohren blasen lässt. Dabei habe ich dann manchmal eine schwarze Daunenjacke an und Doc Martens und dann müsste ich ja eigentlich noch mehr in abgeranzten Clubs abhängen oder auf Abriss-Parties gehen, obwohl ich gerade aus einem Club komme. Aber das reicht mir in dem Moment dann oft nicht. Vielleicht müsste ich auch irgendwas mit Design und Kunst studieren. Oder alles auf einmal am besten, um das Bild wirklich zu erfüllen. Jetzt muss ich aber los, ich studiere nämlich Psychologie an einer großen freien Uni und so bin ich oft auch von den Zielstrebigen umgeben, denen, die noch bei ihren Eltern zuhause in Potsdam wohnen. Ohne das wirklich schlimm zu finden, frage ich mich in den Momenten dann oft, ob ich nicht doch meinen selbstgestrickten Wollpulli an dem Tag gegen ein Hemd mit Knöpfen oder einen meiner Cardigans hätte eintauschen sollen? Wie dumm, weil ein Teil von mir ist die Psychologiestudentin (die muss man sich mal genauer anschauen!), aber eben doch nicht zu 100%, da kommt noch der Fleetwood-Mac-Anteil und Berghain-Anteil und ach, ach, ehe ich mich versehe, sitze ich draußen auf meiner Fensterbank und rauche eine Zigarette und rede mit der Frau aus dem Nachbarzimmer (wir sind 22, also Frauen!) über unsere Körper, über schöne Männer, über Kapitalismus oder über schöne Bücher, Filme, gutes Essen und Kartoffelchips. Ab und zu. Dann frage ich mich, was die Eltern von dem kleinen Mädchen, dem ich jede Woche Pippi Langstrumpf zum Einschlafen vorlese und dem ich mit warmem Herzen, heißen Grießbrei koche, dazu wohl sagen? In solchen Momenten merke ich, dass es bestimmte Teile von jedem Menschen gibt, die nur dann zum Vorschein kommen, wenn sie auch passen. Chamäleon-Menschen. 

 ich: tanzend

ich: tanzend

Da steckt tief in mir nämlich noch dieses RIESENGROSSE Stück Mama. Dann bin ich so gerne die Fürsorgliche und ich bin die, die sich zwei Wochen lang in ihrem Zimmer einschließt und bei gedimmtem Licht über dem Schreibtisch kauert und Geschenke bastelt, klein und mit tausend Klappen, Bestickungen, Taschen, Extras, metaphorisch und in Wirklichkeit. Ich bin jetzt 22 und wenn sich einer auf irgendeiner viel zu vollen Hausparty mit viel zu viel Wodka den Abend schöntrinkt, dann bin ich die, die sich mit über die Toilette beugt, über den Rücken streicht und aufpasst, dass nichts in die Haare kommt. So, wie ich es auch schon auf der gleichen Art von Parties mit 18, 19, 20 und 21 gemacht habe. Ich selber war dann wohl nie so eine, ist auch okay, denke ich mir in den Momenten, in denen es der anderen Person offensichtlich nicht so wirklich gut geht. Der Alkohol in meinem System reicht nämlich trotzdem aus, um pathetische Gespräche zu führen und mich auf jeden Fall zu amüsieren.   

Ein Gedanke zum nächsten und die Quintessenz ist diese: Innen und Außen passen nicht immer zusammen. Manchmal ist ein Teil zu groß, sodass ich nicht in die Schublade passe, in die mich jemand (oft sogar ich selbst) versucht zu stecken. „Wie, du rauchst eine Zigarette?“ wird mir von einem Ende des Balkons zugerufen, wenn ich Abends in der neuen Wohnung alter Bekannten aus der Schulzeit stehe. „Wie, du gehst auch zu Hip-Hop Parties und du tanzt auch mal im Berghain??“  Das bin ich. Genauso, wie ich gerne joggen gehe, wandern, mir aufwändige vegane Mahlzeiten zubereite, stundenlang mit roten Lippen und kaltem Kaffee im Prenzlauer Berg, Kreuzberg oder Neukölln sitze und schreibe, bevor ich mir Star Wars anschaue, oder Titanic oder doch einen Woody Allen Film. Manchmal sehe ich mir zu meinem Entsetzen ein Video nach dem anderen von Beauty-Youtuberinnen an, nur um danach in der Doku-Ecke von Arte zu landen. Ich kann gut zuhören und gut reden (oder schreiben) und das kann ich sowohl komplett in schwarz gekleidet, als auch im Blumenkleid und meine Birkenstocks verändern nicht meine Meinung und Gedanken, wenn ich sie gegen französische Absatzschuhe austausche. Wer in mir drinnen ist, bin ich. Poetisch, aber das ist mir lieber, als wenn mir jede Szene versucht weis zu machen, dass ich nur dann eine von ihnen bin, wenn ich das ganze Paket abliefere.  

Ich versuche herauszufinden, wie ich auszusehen habe, bis ich mich sehe und verstehe, dass es so ist, wie ich auszusehen habe. So wie ich.

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