Judgement-Day

Zieh dich schwarz an und lass dich ja nicht davon überzeugen, dass das Leben auch ohne Kunst Sinn macht. Gib deine gute Laune an der Garderobe ab und denk nach. Fahr einen Gang runter und lach im Keller, mit anderen. Anderen Schönen. 

Heute ist Judgement-Day.

Ich weiß gar nicht, wieso ich, wir, alle, so viel links und rechts schauen, wenn wir nicht gerade die Straße überqueren. Aber vielleicht ist es ja genau das: wir haben ständig Angst, von einem Laster, einem Raser, einem Unvorsichtigen, Tollpatschigen, irgendjemand, der gefährlich sein könnte, über den Haufen gefahren zu werden- aus der Bahn geworfen.

—„Oh, sie trägt ihre Klamotten heute besonders bedacht. Ich auch?“ 
— „Oh, er hat heute eine besonders laute und irgendwie logische Meinung. Ich auch?
— „Oh, die machen aber schöne Kunst. Bin ich auch so kreativ, verdammt?

Viele kleine gesammelte Momente aus meinem Alltag. Aus dem Alltag vieler. Vor allem vieler hier. Hier, zwischen den Kreativen. Hier, zwischen vielen Stereotypen und hier zwischen vielen asymmetrischen Haarschnitten. Hier, in Berlin. 

Ich weiß sehr genau, was die Leute wollen: die Welt ist bunt, sinnlos, prätentiös und intellektuell aufgeplustert. Das wollen sie verhöhnen, aufzeigen, verneinen, zerstören. Darüber ist durchaus zu reden... Wer inbrünstig haßt, muß einmal sehr geliebt haben. Wer die Welt verneinen will, muß umarmt haben, was er nun verbrennt. — Kurt Tucholsky

Ich musste mir in der letzten Zeit viele kleine und trotzdem ernstgemeinte Kommentare von Freunden und Bekannten anhören, die entweder a) nicht in Berlin leben , b) in Berlin leben, aber auf das Ganze hier irgendwie keine Lust mehr haben oder c) in Berlin gelebt haben und sich davon verabschiedet haben. Viele kleine Kommentare wie „ne, mir ist das alles zu prätentiös“ oder „man kann sich auch einbilden, dass man immer zu allem eine Meinung haben muss“, „zu viele Linke, die immer gegen alles sind und trotzdem seit 30 Semestern studieren“, „es gibt so viele Kultur-Metropolen und trotzdem glaubt Berlin, arroganterweise, die einzige zu sein.“ …………..

Die Bemerkungen sind hier ein wenig vereinfachter zusammengefasst und trotzdem wurde mir das so im Groben und Ganzen an den Kopf geworfen (oder auch einfach nur gesagt, um nicht ganz so negativ zu sein). Vielleicht, weil ich in der letzten Zeit viel von Kunst und Musik und das ganze Drumherum geredet habe oder weil gerade Winter ist und Leute unter chronischem Vitamin-D-Mangel leiden. Oder vielleicht auch, weil ich prätentiös gewirkt habe. Jedenfalls hat mich, alle Spekulationen über den Ursprung der Kommentare beiseite gelegt, das Alles zum Nachdenken angeregt: Ist Berlin so aufgeblasen und in den Himmel gelobt, wie mir gerne vorgehalten wird? Lebe ich in einer riesigen Blase? 

Das Alles trotzt immer meinem Bauchgefühl: das ist doch alles so spannend, seht ihr das nicht??? Und ich meine zu verstehen, wo der Unterschied zwischen dem Kultur-Metropolen-Kritisierenden und mir, der Kultur-Metropolen-Liebenden liegt: ich sehe das alles auch, aber es ist mir egal. Ich sehe die ganzen von Head-to-Toe in schwarz gekleideten Gestalten, die sich am Hackeschen Markt ihren sechsten Soja-Latte des Tages bestellen und ihre Mütze aus Prinzip zu einem Seemanns-Look hochgerollt haben. Ich sehe auch die Antifa-Hausbesetzer, die viel kiffen und irgendwas linkes mit Politik studieren - seit Ewigkeiten und immer nebenbei irgendwas aus Protest gegen das System tuend. Ich sehe auch die vielen gesundheitsfanatischen VeganerInnen und ich sehe die Smoothie-schlürfenden Mütter im Prenzlauer Berg, die von einem Holzfäller mit Baby vor dem Bauch geschnallt begleitet durch Bio-Läden schlendern. Von den Kunststudenten fange ich gar nicht erst an. Und ich merke auch, wie einfach es mir fällt, unzählige Kategorien und Stereotype aufzuzählen.

Aber dann gibt es eben auch noch meine kleine Welt, die ich mir auf dem ganzen Planeten immer selber zusammenstellen kann, aus der Umgebung, in der ich mich gerade befinde. Ich sammle mir das aus meinem Umfeld zusammen, was mich weiterbringt, was mir gut gefällt, was ich mag und schätze und was ich ziemlich gerne hab. Und das packe ich dann in meine eigene Welt. Da kann ich schon so Sachen wie prätentiöse gescheiterte Künstler reinpacken - muss ich aber auch nicht. Ich kann mich davon runterziehen lassen, dass die Antifa irgendwas zu beanstanden hat - muss ich aber nicht. Ich kann sie auch einfach ihre Meinung haben lassen und damit kann ich übereinstimmen (oder manchmal auch nicht), aber ich muss mir davon meinen Tag und meine Meinung über die Stadt nicht vermiesen lassen. Ich kann mich nämlich auch einfach in ein Café in Mitte setzen und einen Soja-Milchkaffee trinken, nicht, weil ich das Bild von mir in einem Café in Mitte mit einem Soja-Milchkaffee und einem Laptop und Brille cool und hip finde, sondern weil ich gerne Kaffee mit Sojamilch trinke und gerne schreibe und das gerne unter Menschen tue. 

Es gibt so viel Spannendes in einer so großen Stadt und es gibt so viele interessante Menschen, die so viele interessante Sachen machen. Ich kann mir entweder die Zeit nehmen, mich auf Menschen zu konzentrieren, die ihr Leben nach einem bestimmten Lifestyle ausrichten und das für jeden sichtbar öffentlich darstellen, oder ich kann das auch sein lassen, weil ich merke, dass mich das echt nicht interessiert und mich kein Stückchen weiterbringt. 

Very long Story short: Ich verstehe schon, dass es in Berlin (und sicher auch in New York, London, Paris und und und) vieles gibt, was nur durch einen bestimmten Anschein am Leben bleibt und für diesen Anschein zu leben scheint. Eine Stadt, gerade eine wie Berlin, lässt sich aber in so viele einzelne Teile zerlegen und ich hab irgendwie keine Lust, mir ständig viele andere Teile vorhalten zu lassen, die mich nicht interessieren. Ich blende hier keine Dinge aus, die die Welt kaputt machen. Lass den Hipster doch sein Smoothie 30 Minuten lang fotografieren und dann trinken, während er seine Gesundheit auf Instagram verbreitet. Na und? Und lass mich doch eine schwarze Daunenjacke anziehen, weil das mein Geschmack ist, auch wenn das ganz schön viele UdK-Kunststudenten auch tun. Na und? Sieht halt cool aus und ich mag das so. 

Meine Blase ist also nicht Berlin, meine Blase bin ich. Und meine Blase ist voll mit Soja-Milchkaffee, deshalb geh ich jetzt aufs Klo. Bye!  


P.S.: Ich hab letzte Woche ein Radio-Beitrag auf Deutschlandradio Kultur gehört, in dem Lars Eidinger durch Berlin läuft und von „seinem Berlin“ erzählt. Wenn du dir seine Stücke anhören willst, die er sich zusammengesammelt hat, dann hör dir das am besten hier mal an, ist ziemlich entspannt und spannend. Und außerdem stellt er ganz gut fest, dass ein Haufen schlecht gelaunter Menschen nicht gleich ein Haufen Berliner ist (oder vice versa). Ein Stereotyp reicht für diese Stadt eben auch nicht.

 
Hanneganz neuComment