Von der Kunst zu bleiben

Ich bin so eine Art Nomaden-Kind. Das Kind vieler Welten. Meine Welten existieren hier und in meinem Kopf und wenn ich diese ganze Romanzen-Metapher mal beiseite lasse, stimmt es immer noch und die Fakten sprechen für mich: Ich hab schon an dem ein oder anderen Ort gelebt und ich hab schon in dem ein oder anderen Haus und in der ein oder anderen Wohnung, das ein oder andere Zimmer gehabt, eingeräumt, geschmückt und umdekoriert und das ist zu einer Art Routine geworden. Das, wovor sich viele fürchten, was auch sowas von natürlich und sinnvoll ist, sich davor zu grauen, ist Wandel, ist was Neues, ist etwas aufzugeben, um etwas anderes anzufangen. Hab ich jetzt schon ein paar Mal, ohne mich ernsthaft damit schmücken zu wollen, gemacht. Weil, sind wir ehrlich, um das Zieren, darum geht es hier gar nicht. Ich hab genügend Social Media Accounts, auf denen ich mich darstellen, promoten und alles, was wir jungen Menschen eben wollen, tun kann. Hier geht es nun also um eine neue Theorie von mir. 

Ich zog umher und bin ganz gut darin geworden, mich vor neuen Klassenkameraden vorzustellen und mir neue U-Bahnpläne einzuprägen. Und dann zieh ich wieder um und lande in Berlin und jetzt bin ich Frau meiner eigenen Situation und kann auch wieder wegziehen, wenn ich will. Ich kann überall hin und bin jung und frei und ach, diese Auswahl. Ironie, erschlag mich. Ich bin ganz zufrieden hier und dann juckt es mich, was nicht an der Katze liegt, die meine Mitbewohnerin hat und auch nicht an dem Staub, der sich hinter meinem Bett nach ein paar Monaten angesammelt hat. Es juckt mich, weil meine innere circadiane Nomaden-Rhythmik mir signalisiert, es wäre mal wieder an der Zeit, etwas neues zu machen. Also fange ich mit Yoga an und stelle mein Zimmer ein paar Mal um. Ich werde vegan und kaufe mir neue Hefte und ich bin kurz davor, meine Haare abzuschneiden, als ich merke, ich könnte mal wieder einen Umzug vertragen. Es liegt sogar mehr als nahe, weil ich als Studentin mit wenig Geld lieber nicht in einer schicken Schöneberger-Altbauwohnung leben möchte, bei der ich mir mit nicht so schicker Staffelmiete in naher Zukunft den Kontostand machtlos ruiniere. Und dann kommen günstige Gelegenheiten zusammen und ich lande im Wedding und ohne Klischees bin ich glücklicher und reicher und das Jucken ist weg. Ich fange an, in einem italienischen Feinkostladen zu arbeiten und schmeiße fast mein Studium (fast nur) und merke erst beim gelegentlichen Tagebuchdurchblättern, dass das Einzige, was sich in den letzten paar Jahren als stringent und konstant und beständig herauszustellen scheint, das Schreiben ist. Wenigstens etwas. Aber als mich wieder etwas dazu verleitet, meine Brücken abzureißen, halte ich inne und denke über ein neues Konzept nach: das des Bleibens. 

Ich will nach Wien, ich will ein Erasmus-Jahr machen und das ist auch etwas, was Studenten ohne große Verpflichtungen und mit vielen Möglichkeiten machen. Aber ich hinterfrage es nicht und packe aus Gewohnheit in meinen Gedanken schon wieder alle Taschen und stelle mich schon jetzt neuen zukünftigen Freunden vor. Hier mache ich nun etwas anders, als ich es sonst gemacht habe: ich freunde mich mit dem Gedanken an, nichts zu tun, was mich in eine neue Situation versetzt, nichts, was ich schon kenne, was komisch klingt, weil ich das Unbekannte einer neuen Stadt und eines neuen Alltags ja nicht kenne, aber immerhin das Konzept- das kenne ich ganz gut. Ich stelle mir vor, wie es wäre, noch ein Weilchen an dem Ort zu bleiben, an dem ich gerade bin, in Berlin. In der Wohnung, in der ich gerade bin, mit den Leuten, mit denen ich gerade bin, mit meinem Alltag, den ich gerade habe und mir macht das viel mehr Angst, als wieder wegzugehen. Es ist komisch, das Konzept des Bleibens, aber ich setze mich fest und bleibe und das ist jetzt schon ein Jahr her und ich bin noch da. Es führt mir vor Augen, was Gewohnheit doch für eine Rolle spielt und ich kann mir manchmal selber dabei zuhören, wie ich mir erkläre, dass es Blödsinn ist, wieder wo anders hinzugehen. Und ich rebelliere somit ein wenig gegen die eigentliche Norm, ständig alles zu verändern. Es bringt auch viel, dazubleiben.

HanneComment