Über das Konzept “heimlicher Luxus” und wieso ich es hasse, dass ich mich schämen muss

Ich starte mal bei einem kleinen banalen Event aus meinem großen banalen Leben: ich neulich so am U-Bahnhof Seestraße und an diesem Tag waren alle Wedding-Klischees hier vereint vorzufinden: gefühlt alle Junkies und Alkis (fun fact: Autocorrect ändert “Alkis” zu “Alois”, aber das nur so nebenbei) versammelten sich zu einer Lagebesprechung (oder auch einfach nur auf das fünfte Bier am Tag, es war ja schließlich auch schon 9.30 Uhr morgens), fünf Mütter hatten ihre insgesamt 20 Kinder nicht im Griff, unzählige Studenten schoben sichtbar Hass auf die Lernerei (wir befinden uns gerade mitten in der Klausurenphase - für alle anderen, die Nicht-Studenten sind, hat das wahrscheinlich eher weniger Bedeutung), so auch ich und es fand natürlich ausgerechnet auch noch heute an allen umliegenden Schulen der obligatorische “Wandertag” statt (so nennen wir in Bayern den Tag, an dem die Lehrer sich irgendetwas überlegen müssen, das den Schülern etwas fürs echte Leben außerhalb des Klassenzimmers beibringen könnte, im Wedding gehen sie dann mit ihren Schützlingen ins Kino- große Klasse!). Wer nach der Hälfte dieses “run-on Sentence” ausgestiegen ist, hier eine Zusammenfassung: es war viel los und ich hatte kein Bock auf diese Menschen. 

Ich steh nun also da und höre nur abgehakt Musik, weil meine mobilen Daten mal wieder aufgebraucht sind und mein Spotify Premium Abo abgelaufen ist, als eine gebückte Person in meine Richtung geschlurft kommt. Es war natürlich einer jener, der ein bisschen Geld braucht und will, wogegen ich grundsätzlich rein gar nichts einzuwenden habe. Er fragt: “Ich möchte mir was kaufen und brauche dazu noch ein bisschen Geld, kannst du mir vielleicht mit einer Spende weiterhelfen?”. Ich sehr müde und situations-genervt, denke nicht mit meinem gesitteten moralischen Hirn in der Sekunde und frage die offensichtlich bedürftige Person: “Wie viel brauchst du denn?”. Diese rastet innerlich und auch ein bisschen äußerlich, aus und wirft mir an den Kopf: “Soll dit ’n Witz sein?”. Und so fängt ein kleiner Monolog seinerseits an, wie erbärmlich er es findet, wenn ich mit meinem dicken Portemonnaie voller dicker Scheine einen kleinen armen Obdachlosen herabschauend frage, wie viel Geld er denn bräuchte. Und wie arm er doch sei. Ob ich das denn nicht sehe. Kotz. 

Ich war trotzig und sag ihm: “Willste jetzt mein Kleingeld oder nicht?” und bin mir bewusst, dass auch das als noch herabschauender, als er die Situation eh schon einschätzt, interpretiert werden kann. Er nimmt mürrisch die 50 Cent entgegen, die ich ihm während der ganzen Situation lustlos entgegenstrecke und zieht von dannen. Und genau dort startete dann ein kleiner innerer Konflikt, den ich nun zu Ende gedacht habe und hier präsentieren möchte: Wieso muss ich mich eigentlich schämen, dafür, dass ich mehr Geld als andere habe? Muss ich das? Will ich das? Und “darf” ich rotzig gegenüber jemandem sein, der offensichtlich weniger hat, als ich? 

Am Ende komme ich zu folgendem Entschluss: Nein, ich muss mich nicht schämen und ja, ich darf rotzig sein. Wieso, hier: 

Wenn mich jemand fragt, ob ich ihm etwas Geld geben könne, für etwas, das er kaufen möchte, dann gehe ich davon aus, dass er schon etwas konkretes im Sinn hat, dass er kaufen möchte und somit auch konkret weiß, wie viel Geld ihm noch fehlt, bis er dieses Konkrete kaufen kann. Selbst wenn dieses Konkrete ein neues Bier ist, das ändert auch nichts daran, dass meine Frage sehr berechtigt war. Klar, ich stand mit dickem Geldbeutel und vielen Scheinen da und hätte den Peter Pan spielen können und gönnerhaft mein erarbeitetes Geld teilen können. Aber dem Gedankengang zufolge müsste auch Anna Wintour (Wissenscredit an Wilhelm. Ohne ihn würde ich wahrscheinlich immer noch denken, dass sie Anna Winterhaus heißt und hätte keine Ahnung, wen oder was sie tut.) jedem ihrer Mitarbeiter genauso viel zahlen wie sie für deren geleistete Arbeit einsteckt und der schnelle Porschfahrer würde gar nicht dazu kommen, schnell mit seinem Porsche zu fahren, denn er wäre viel zu beschäftigt, ständig und überall anzuhalten und seine Scheine an bedürftige Menschen zu verteilen. Denn er hat ja mehr als sie. Es gibt nunmal gewisse Hierarchien und stets einen über dir in der Nahrungskette, der ein bisschen richer ist und ein bisschen mehr Macht hat (außer du bist/warst Steve Jobs oder Bill Gates, das ist ein bisschen hart zu toppen, das gebe ich zu). Das habe ich auch in der Situation mal wieder erkannt und merke, dass ich nichts dafür kann, das der Obdachlose obdachlos ist und jeder selber auf gewisse Weise egoistisch auf dieser Welt leben muss. Ich gebe ihm 50 Cent und muss mich dabei nicht schlecht fühlen, dass ich ihm nicht die Scheine gebe, für die ich vieeeele Stunden hinter der Käse- und Wursttheke stand. Und ich muss mir auch nicht vorwerfen lassen, ich sei heuchlerisch gönnerhaft. Soviel dazu. 

Nun folgt dem ersten Teil des Events ein zweiter, denn als ich dann an der Schönauser Allee ankam, um mich wieder hinter die Käse- und Wursttheke zu stellen und Scheine zu verdienen, fiel mir auf, wie sehr ich das Konzept des “heimlichen Luxus” (diesen Begriff habe ich mir an dieser Stelle jetzt einfach mal ausgedacht) hasse. Damit meine ich konkret, die vielen Situation die so ungefähr immer wie folgt ablaufen: “Mensch, schöne Jacke haste da!” bemerke ich, zu Girl XY sprechend. “Ach, danke!” = Antwort. “Sieht ziemlich edel aus!”. “Ach ja, ne ne, die hat mir mein Opa mal gekauft, so als Geschenk, war auch bestimmt im Sale und damit auch überhaupt nicht mehr so unverhältnismäßig teuer, wie sowas normalerweise ist, aber ich hab ja auch nicht mein eigenes Geld dafür ausgegeben, das wäre ja schon ein bisschen peinlich und angeberisch und ich will ja auch nicht dastehen wie eine kleine verzogene Göre, die nicht mit Geld umgehen kann.” Ahhhhjaaaa. In solchen Situation laufe ich immer in Gedanken in mein Zimmer zu meinem Schreibtisch und schnappe mir mein gefühlt Tonnen schweres Statistik-Buch, um mir damit schwungvoll ein bis zwei Hiebe zu verpassen. Wieso verpacken viele meiner Gesprächspartner eine ziemlich eindeutige Situation in so viel Bullshit-Ausreden-Papier, dass man ganz vergisst, dass hier eigentlich gerade gar kein Problem besteht. 

Situation: Du hast etwas gesehen, das du haben willst. Du hast genügend Geld, es dir zu kaufen. Nun wägst du ab, ob du das Geld dafür ausgeben möchtest. Ja? Kaufen. Nein? Liegen lassen. Und wenn du es dir dann kaufst, dann verstecke dich doch bitte nicht dahinter, das macht Gespräche nämlich immer so unglaublich awkward. Steh dazu, dass deine Lederjacke 400 Euro gekostet hat und wisse, dass dein Gegenüber vielleicht niemals im Leben so viel Geld für ein Kleidungsstück gelassen hätte. Wisse allerdings auch, dass du nicht die Scheine deines Gegenüber ausgegeben hast, sondern deine eigenen. Und dass es damit zu überhaupt keinen Ausreden für den Luxus, den du dir gegönnt hast, kommen sollte. Angenommen bei diesem ganzen Gedankengang habe ich natürlich, dass das Geld, was du, liebes Girl XY/heimliche Luxus-Liebhaberin/Ausredenerfinderin dein Geld auch selber angespart, erarbeitet oder ähnliches hast und weder eine Bank ausgeraubt hast, noch über deine Verhältnisse hinauslebst und dir deine Lederjacke auch wirklich leisten konntest, ohne komplett ruiniert zu sein. UND, dass du es für dich und deinen eigenen Modegeschmack getan hast und nicht für andere und deren Modegeschmack. Nun, als ich diesen Gedankengang zu Ende gedacht habe, kam ich wieder zu meinem ersten Teil des Events zurück:

Ich habe, was ich habe, weil ich in meinem eigenen Leben lebe. Ich nutze meine eigenen mir zur Verfügung stehenden Ressourcen, um mich weiterzuentwickeln. Ich habe das Privileg, nicht in einer versifften Plattenwohnung geboren zu sein und bin sehr dankbar dafür, dass ich zwei Eltern habe, die ich anrufen kann und die auch da sind. Und das mein Handy funktioniert. Und dass ich ein Handy habe, ja, auch das. Aber ich lebe eben auch in meinem Leben mit meinen Entscheidungen. Und eben nicht in einem anderen Leben mit anderen Entscheidungen, die nicht meine eigenen sind. Und so muss ich mir dann eben nicht vorwerfen lassen, ich solle nicht dekadent und herablassend zu einem armen Obdachlosen sein, wenn ich ihn frage, ob er meine Spende jetzt annehmen möchte. Weil natürlich habe ich mehr Geld als er, aber ich bin eben auch ich und ich bin nicht er und ich kann ihm helfen, aber ich kann ihn nicht plötzlich ich werden lassen. Genauso muss ich und auch kein anderer Luxusartikel verstecken, wenn ich oder er oder sie sich diesen gekauft hat, weil er wollte und konnte.**

Und so komme ich zum Entschluss, dass ich heimlichen Luxus hasse und ich das habe, was ich habe, weil ich in meinem eigenen Leben lebe und eben nicht in einem anderen. 

 

 

 

 

 

 

 

**FETTER DISKLAIMER: 

Natürlich spreche ich hier nur und ausschließlich von einem Leben, in dem ich leben. Sprich: ich bin Studentin die zwar arbeitet und sich Sachen erspart. Ich bin jedoch WEDER Daddy’s Girl, die alles in den Arsch geblasen bekommt, noch bin in Jetsetterin und pendle täglich zwischen Beverly Hills und Shanghai, ist klar, oder? Und mein Konzept des heimlichen Luxus spricht somit nicht irgendwelche Steuerhinterziehungs-Idioten an und ich spreche ebenso wenig von wirklich wirklich richtig viel Geld. Meine Schlussfolgerungen bewegen sich alle in einem Studenten freundlichen Bereich. 

 

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