Punkrock-Queen

Ziemlich Punkrock. Eine Postkarte an meinem Kühlschrank.

Und wenn man dann durch den Prenzlauer Berg geht und seine Musik Gedanken betäubt, fühlt man sich wie eine Punkrock-Queen. Ich fühle mich so unglaublich Punkrock in solchen Momenten- SO UNLAUBLICH PUNKROCK. Aber wisst ihr was ich höre? K.I.Z oder so.
Doch lauft mal mit so viel Hass auf den Ohren an einem Kinderladen nach dem anderen vorbei und schaut euch sündhaft teure “Second-Hand-Designer-Handtaschen” im Schaufenster an. Dann fühlt man sich ziemlich Punkrock. (Dass man weder Punk, noch Rock, noch Punkrock hört spielt in solchen Momenten gar keine Rolle - man fühlt sich ziemlich rebellisch.)
Seine eigene Spiegelung in den Schaufenstern mit den Handtaschen und den Kinderläden blendet man ziemlich gekonnt aus, so als Punkrock-Queen. Denn man möchte sich nicht ertappen. Ertappen dabei, wie man selbst nicht viel besser ist als der ganze unpunkrockige Rest. Da fang ich an, jegliche Konstrukte in meinem Leben zu hinterfragen. Heute war es Geld.

Viel Geld

Und dann fragt mich mein rebellisches Gehirn, wieso ich nicht rebellisch bin. 
- “Wieso bist du so verdammt unrebellisch? So verdammt langweilig?”. HÄ? 
Und dann frage ich mich, mit meinem fragenden Gehirn denkend, wieso ich nicht rebellisch bin. 
- “Wieso bin ich so verdammt unrebellisch? So verdammt langweilig?”. HÄ?
Und dann gehe ich erstmal arbeiten. Wie langweilig. Wie verdammt unrebellisch. 

Abends gehe ich mit 50 Euro mehr in der Tasche nach Hause und fühle mich gut.

“Kommt da noch was dazu?”, frage ich den Prenzlauer-Genußmensch, während ich ihm Delikatessen im Wert von 50 Euro sorgfältig in Wachspapier einwickle. 
“Ach ja, geben Sie mir doch noch ein mittleres Schälchen von den eingelegten Kapernbeeren, die isst meine Frau jeden Abend zu ihrem Käsebrot.”
Wie verdammt langweilig, denkt mein rebellisches Gehirn. “Gerne”, erwidere ich, im Kopf fünf Euro dazurechnend. Kapernbeeren sind verdammt teuer. 
Abends gehe ich mit 50 Euro mehr in der Tasche nach Hause und fühle mich gut. Ich traue mich oft nicht bei mir selbst nachzuhaken, wieso. Vielleicht ja doch, weil ich jetzt mehr Geld habe? Vielleicht ist mir das ja doch wichtig? Und was mache ich wenn ja? 

Möglichkeit 1: Ignorieren. Weiter kaufen. Scheiß auf Geld, komisches Konstrukt, Glück ist was zählt. 

Möglichkeit 2 (führt im Endeffekt auch zur einzig wahren Möglichkeit: Möglichkeit 1): Ich könnte zum totalen Spießer oder Pfennigfuchs werden, könnte jeden Cent so lange festklammern, bis er mir aus den Händen gerissen wird, könnte mir Sorgen machen, wie ich mein Geld bei mir halten kann. Und wenn ich mein Geld bei mir habe, was habe ich dann (außer Geld)? Ich hab dann Geld. Das Geld. Das kann ich dann anschauen. Ich kann es auch beschnuppern, um die Keime und Viren noch länger bei mir zu behalten. So wird das Geld noch giftiger, als es ohnehin schon ist. Als kleines Ich habe ich gerne alles und jeden in die Hände und Mund genommen, hab die Angst vor Keimen und Krankheiten nicht ganz verstanden. So auch nicht, dass Geld ein Auffangbecken jeglichen Drecks ist. Meine Mama hat dem kleinen Ich dann ziemlich trocken erklärt: “Stell dir mal den dreckigsten Bauarbeiter vor, der sich zwischen Bagger und Mittagspause noch kurz lässig am Arsch kratzt und beim Niesen statt ein Taschentuch zu benutzen, mit seiner Hand vorlieb nimmt. Der kauft seine Semmeln (ja, ich bin in Bayern großgeworden) mit dem gleichen Geld, was du da gerade in der Hand hältst. Nicht so lecker, Hanne, Hände waschen”. Danke Mama. 

Wenn es Geld regnet, verzage nicht und gebrauche einen Geldregenschirm! 

Ich lasse das Geld lieber los und gebe es Leuten, die mir dafür Dinge oder Tätigkeiten geben, die ich brauche, oder die mir guttun. Außerhalb meines Blickfeldes habe ich dennoch ein Konto, auf dem mein dreckiges Geld liegt, damit ich auch immer immer schöne Dinge haben und tun kann. Danke Prenzlauer-Genußmensch. Denn mit meinen 50 Euro kann ich mir ein Zugticket nach Bayern kaufen und mir Weihnachten mit meiner Familie die Plauze vollschlagen. 

Somit: Keine Punkrock-Queen. Ich bin keine Punkrock-Queen. Keiner ist eine Punkrock-Queen. Außer echte Punkrock-Queens. Ich bin rebellisch, weil ich als vegane Gemüseintopf-Liebhaberin in einem italienischen Feinkostladen Schinken und Käse für viel (gerechtfertigtes) Geld an hippe (offensichtlich unvegane) Berliner mit lockerem Geld verkaufe. Ich bin rebellisch, weil ich mich mehrmals täglich daran erinnere, mein rebellisches Gehirn herauszufordern, es anzublöken. Bescheid sagen: ich glaube, du liegst falsch. Ich glaube, worauf ich hinausmöchte: Ich bin unpunkrockig und rebellisch. Und habe herausgefunden, dass Geld dreckig ist und mir trotzdem die Möglichkeit und Freiheit gibt, ich zu sein und ich zu werden. Wie langweilig muss es sein, ohne K.I.Z und ohne Punkrock. Und ohne den Prenzlauer Berg? 

Dank Kylie Jenner weiß ich, wofür ich mein Geld nicht ausgeben möchte: eine Hängematte aus Fell und zu große Plateau-Sneaker. Danke Kylie. 

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