Meld dich mal

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"ES IST SOMMER IN BERLIN UND ICH SCHWITZE"

"Schau mal: ich war noch nicht ganz da", tippt sie fünf Mal in ihr Handy und löscht es dann doch wieder. Dann schreibt sie: 

Versteht er das? Ich hab noch ein bisschen gebraucht. 
Ich hinke gerne mal ein wenig hinterher, so auch noch vor kurzem. 
Nun aber nicht mehr und frei laufen tu ich dabei trotzdem noch nicht. Jetzt sind es nicht mehr meine eigenen Zweifel, die sich an mein Bein gekettet haben und meine Schritte zu ihm schwer machen. Jetzt hat er sich samt seiner Mutmaßungen und seines Vorbehalts an mein freies Herz gebunden und ich fände ihn sorgenfrei leichter — zu verstehen. 
„Bin ich zu schwer?“, fragt er mich provozierend.
„Nein, aber schwierig“ , antworte ich nachdenklich.
Zu verstehen. 
Ständig habe ich das Gefühl mich erklären zu müssen und er zeigt mir Seiten von sich, die ich nicht sofort sehe. Er kennt sich, so lernte ich ihn kennen. 
Aber irgendwie wird das gerade alles schwieriger, als gedacht. Er steht nie vor mir, nie ganz, schleicht sich hinter mir her und in meine Gedanken ein. 

Es gibt Teile von mir, die will ich nicht. Ich will nicht, dass er sie sieht, würde sie gerne für immer vor ihm verstecken. Ich werde das Gefühl nicht los, er kennt sie alle schon, meine mich piksenden Selbstzweifel und irgendwie ist er trotzdem da — bei mir. 
Manchmal. 
Es gibt Teile von ihm, die will ich (bestimmt) nicht. Vielleicht piksen sie auch oder stechen oder schmecken zu sauer oder bitter oder verbraucht, wie ein Zug an einer Zigarette, die inzwischen wieder ausgegangen ist. 
Ich würde sie nur gerne erstmal alle sehen. 
Und ihn auch. 

Es ist Sommer in Berlin und ich schwitze. Ich habe mir eine Eiswürfelform gekauft und lebe von Wassermelonen, bis meine klebrigen Finger Flecken auf vollgekritzelten Notizbuchseiten hinterlassen. 
Es ist Sommer in Berlin und plötzlich verdampft das Gefühl des Alleinseins bei jedem Einzelnen der 3,5 Millionen Individuellen, das ihnen der Winter Monate lang unter die Decke gelegt hat. 
Sonne scheint uns auf die Köpfe und so auch Licht auf die, die wir uns sonst nie so genau angeschaut hätten. 
Merkwürdig. 
So ganz sehe ich ihn trotzdem noch nicht. 

Meld’ dich mal.