Mikrokosmos Strand

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Die salzigen Tropfen sind auch nur ein Bruchteil der sich gleichmäßig aufbauenden und schäumend-brechenden Wellen. Hinter mir, aus dem Atlantik, wo Wellen auch nur ein rhythmischer Bruchteil des Großen sind, des großen gigantischen Atlantiks. Bruchteile, die Tropfen also, perlen sich auf meiner Haut, vermischt mit Sonnencreme und Schweiß. Wasser verdampft und während ich mein Gesicht der glühenden Hitze entgegenstrecke, bildet sich eine leichte Salzkruste auf meiner Nase, darunter Flecken, die sich nicht abwaschen lassen: Sommersprossen. Und wenn der Wind so durch mein sich kräuselndes Haar schlängelt und ich einen Bruchteil der kilometerweiten Dünen durch meine Finger rinnen lasse, stört mich auch das nicht, was mich sonst dazu veranlasst hatte, meine Kopfhörer weiter in meine Ohren und meine Nase tiefer in mein Buch zu stecken. Hier nenne ich es alles „Mikrokosmos Strand“ und muss schmunzeln, weil es zwar jeden Tag (und auch Jahr) anders, aber doch stereotypisch gleich ist und bleibt. Und schließlich bin auch ich ein Teil von dem Ganzen. Ein bisschen so, als gäbe es, egal wie groß der Strand (oder klein), egal ob aus Sand, Kiesel, Stein, egal ob tosende Brandung oder pisswarmes Mittelmeer, ein Setzkasten aus Statisten, Pro- und Antagonisten, Situationen und Umständen, die sich, so scheint es, rein dem Zufall hingebend, zusammensetzen. Das Bild sieht, von weitem betrachtet jedenfalls, jedes Mal gleich aus. Mikrokosmos Strand. 

Links: die britische Großfamilie. Diesmal britisch, morgen wahrscheinlich französisch (jetzt bin ich schließlich in Südfrankreich, jetzt gerade!). Britisch nun, vier Kinder, alles brabbelt unentwegt und der Akzent lässt auf Manchester schließen. Sehr hart und irgendwie unberechenbar weich an manchen Stellen. Keine Ahnung, ob seine Besitzer auch so drauf sind, vielleicht fügt es sich ja in der Person alles irgendwie. Die Großfamilie jedenfalls: Harry (ja, wirklich) möchte seine Schaufel nicht abgeben und als Clara sich als große Schwester zwischen ihn und Jake stellt, bekommt sie mit dem Plastikgriff einen Hieb auf den Kopf. Harry weint (er hat geschlagen) und weil er erst zwei ist und der britische Akzent ihn somit noch sweeeeeeter macht, nimmt ihm niemand seine rotzigen Entschuldigungsversuche und insgeheimen Rachepläne ab oder übel oder vielleicht ist eigentlich auch jedem das kleine Urlaubs-Eklat schnuppe, ist schließlich Urlaub, da ist man entspannt. Älteste Tochter geht ganz in der Teenager-Rolle auf und dreht sich mit rollenden Augen wieder zu ihrer Teenie-Zeitung. Kopfhörer im Ohr. 

Noch weiter links: es spielt sich das Ganze in einer ähnlich schönen Sprache ab. Diesmal wirklich Franzosen und sie schnattern mindestens genauso schnell durcheinander, bloß, dass ich eben nur die Hälfte verstehe. Die Sonne brennt trotzdem weiter und Sandkörner kleben in den Haaren auf meinen Armen. Die französische Mutter verteilt Pain au Chocolat et Raisin, die britische Grilled Cheese Sandwiches. Sie isst mit, die französische füttert ihren zierlichen Körper mit dem Rauch einer Zigarette. So sind sie. Alle beide. 

Ach, es fehlen auch noch die vor mit in der Beschreibung! Und so sehr ich versuche, bei meiner Bestandsaufnahme nicht den Stereotypen zu verfallen, haben die Deutschen in ihrer Strandmuschel auch schon ihre Tupperdosen mit Stullen rausgeholt, es wird Sudoku gelöst und dem kleinen Jakob in die Flossen geholfen (dabei sind wir doch am Atlantik, da haben die Dinger und der Junge mit ihnen gegen die Wellen schnell verloren). 

Aus jeder Richtung finden immer wieder die Augen derjenigen die Familien, die entweder schon lange keine Horde Ameisen, dafür aber einen vergesslichen Bob, Pierre oder Hans im Schacht halten müssen. Oder aber die, die ihre verstohlenen Blicke zwischen all den schönen Körpern hin und wieder auch auf die schreienden, keifenden, für sich alle irgendwie funktionierenden Familien ablegen und sich fragen: „Wie werde ich das mal machen?“ Und dann: „Auf keinen Fall so!“ Und dann werden sie 15 Jahre später hier sitzen, hier, wo sie auch als freie junge Sorgenfreie saßen und lagen und den Blick öfter mit Sorge auf die Brandung und die Sonne richten, als sie es heute noch tun. Und vielleicht kommen sie auch deshalb allesamt immer wieder hierhin zurück. Um Erinnerungen in Geschmäckern und Gerüchen zu suchen und zu hoffen, dass sich noch nicht zu viel verändert hat. 

Alles ist und bleibt „Mikrokosmos Strand“.