Wer du heute bist

IMG_2142.JPG

Manchmal werden Menschen schöner, wenn man sie nicht jeden Tag sieht. Wenn man nicht genau weiß, wieso sie so aussehen, heute, so aussehen, wie sie es tun. Wieso sie so denken, über etwas, sich über etwas den Kopf zerbrechen, sich eine Meinung gebildet haben, so, wie sie es haben, wie sie dahin gekommen sind, zu dem Schluss, Entschluss, zu der Entscheidung oder dem Weg. Vielleicht ist es manchmal einfacher zu wissen, wieso sich jemand so verhält, wie diese Person es eben tut und vielleicht ist auch alles halb so wild. Vielleicht hat die andere Person nichtmal halb so viele Gedanken an etwas verschwendet, wie man vielleicht denkt. Aber so kommt ein bisschen Alltags-Kitsch, Magie, call-it-what-you-want, zustande. So kommen Missverständnisse auf, die dann aber auch wieder aus dem Weg geräumt werden können. So können kleine Gedanken-Schlösser gebaut werden und so gibt es Futter für eigene Ideen-Welten. Und die Möglichkeit, dass diese auch Realität werden. So fragt man die andere Person aus Neugier, aus Neugier, wer er oder sie heute ist. 

Sie sehen sich nicht mehr jeden Tag und so fragen sie sich gegenseitig, wer sie jetzt wohl sind. Sie sehen nur noch Ausschnitte und ein bisschen wird alles andere, außerhalb dieser Fenster, zu Bildern, in denen alles möglich ist. Du weißt ja gar nicht, ob das, was du nicht wirklich siehst, oder gesehen hast, auch wirklich so existiert, oder existiert hat. Und alles beruht auf Vertrauen. 

Jetzt wissen sie nicht mehr, ob die Augenringe durch zu viele Gedanken letzte Nacht, oder zu viel Arbeit heute Morgen entstanden sind. Sie wissen nicht mehr, ob heute die Mutter schon angerufen hat oder ob der andere heute schon jemanden vermisste hat. Ob der andere oder ob die andere heute vielleicht den anderen oder die andere vermisst hat. Was sie sich wohl für Gedanken machen? 

Und sie fragen sich und schön ist es, aus Neugier, aus Freude an den jeweils anderen Geschichten, aus Interesse für sich gegenseitig, zu fragen.

Manchmal werden Menschen schöner, wenn man sie nicht jeden Tag sieht. Oder einfach, wenn es immer wieder Teile gibt, die man nicht kennt, kennenlernen will, die man nicht versteht und gerne verstehen will. 

Und alles beruht auf Vertrauen.