Alles Spekulation

© Hanne Frommann

Ich kenne einen Menschen, dessen Leben ist retrospektiv. Gespräche werden vorwärts geführt und rückwärts verstanden. Hinterher vergewissert, ob vorher alles in Ordnung war.
Ich kenne ebenso: einen Menschen, der schon vorher die Folgen von nachher nicht erträgt. Und deshalb vorher erst gar nicht anfängt. Somit auch kein nachher. Dieser Mensch: prospektiv.

Die zwei treffen sich dann und wann in der Mitte und haben eines gemeinsam: Angst. Vor begangenen und zu begehenden Fehlern. Vor zu viel & zu wenig Gesagtem, vor zu viel, zu viel & zu wenig Gelebtem. Entweder schon passiert oder vorprogrammiert. Es ist ein Geben und Nehmen von Argumenten und am Ende zählt die Waage Gleichstand - genauso viel Ahnung wie davor.

Sie sitzen in zwei unterschiedlichen Zügen in zwei unterschiedliche Richtungen. Sie fahren mit und beobachten von innen draußen. Dann halten ihre Züge und sie steigen kurz aus. Leider nicht immer auf neutralem Boden. Und überreichen sich zögerlich ihre Ahnung von der Welt - die eine vorwärts, die andere rückwärts.

Die Züge fahren weiter, bis zum nächsten Treffpunkt. Die beiden fragen sich, wohin. Auch mit ihrer Angst, ihrer Reue, ihrer Vorahnung und vor allem der Ahnung, der Ahnung von der Welt.

Denn im Endeffekt merken sie es genau: das Draußen ist das gleiche und die Ahnung auch.
Einmal retro-, einmal pro-
spektiv.

Alles Spekulation.